Kugelstosstaining mit dem besten des Landes (und ein trauriges Kapitel der Sportgeschichte als Zugabe)

Von Marco Stocker

 

Am vergangenen Mittwochabend durften sich rund 60 Kinder und Jugendliche vom 15-fachen Schweizer Meister Gregori Ott in die Geheimnisse des Kugelstossens einweihen lassen. Derzeit ist der Liestaler leider an der Schulter verletzt und steckt deshalb nicht gerade mitten in der Wettkampfsaison, in der er sich eigentlich für die EM in Amsterdam und wenn alles perfekt liefe sogar für die olympischen Spiele in Rio qualifizieren wollte.

 

Was viele der Anwesenden nicht wussten: Gregori, der mittlerweile auch dem früheren Weltmeister Werner Günthör den Junioren Schweizer Rekord abgejagt hat, trainierte zahlreiche Jahre bei Daniela Wohlgemuth in Muttenz und hat daher sehr gute Erinnerungen ans Margelacker. Heute startet der Hüne für die Old Boys Basel und trainiert neben Basel und Magglingen, wo er an der Seite von Weltmeisterin Valerie Adams bei Jean-Pierre Egger trainiert, auch häufig in Chemnitz bei Rolf Österreich. Die Vergangenheit dieses Herrn ist ein trauriges Kapitel in der Geschichte des Weltsports. Es handelt sich dabei um eine Story, die aus heutiger Sicht unglaublich anmutet und darum hier als kleiner Geschichtsexkurs kurz erwähnt werden soll.


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Österreich war einer der ersten weltweit, die sich an der Drehstosstechnik versuchten. Diese war in der damaligen DDR aber als amerikanisch verpönt. Österreich war Amateur, brachte sich das Kugelstossen weitgehend selbst bei, trainierte nicht im staatlich überwachten Sportsystem und konnte so die Technik erlernen, die er für erfolgsversprechend hielt. Er wurde daher vom damaligen Verband schikaniert und galt als nicht linientreu. Trotz deutlich übertroffener Olympia-Limite wurde er 1976 für die Spiele in Montreal nicht selektioniert. Er wurde von den Verantwortlichen gar als medizinisch untauglich eingestuft. Österreich gab jedoch nicht auf und übertraf einen Monat nach den Olympischen Spielen sogar den damaligen Weltrekord. Er stiess die Kugel bei einem Wettkampf in Zschopau 22,11m weit. Dem Vertreter des regierungsnahen Verbandes der damals auf dem Sportplatz anwesend war, war es aber egal, dass alle Kriterien für die Anerkennung dieses Weltrekords erfüllt waren. Er sorgte dafür, dass man bei der Siegerehrung nur von einer „sehr guten Weite von 22,11m“ sprach und eine Woche später Österreichs Leistung komplett aberkannt wurde. Die Kugel sei nicht ganz rund gewesen. Österrech sah dannach bald ein, dass er gegen den Überwachungsstaat DDR keine Chance haben würde und gab seine sportlichen Ambitionen bald auf. Eine unglaubliche Geschichte. Wenn er schon selbst keinen Erfolg haben durfte, hat es sich Österreich später zur Aufgabe gemacht, jungen talentierten Athleten sein Wissen zu vermitteln. Gregori ist einer von ihnen und stolz darauf, beim ehemaligen Weltrekordhalter trainieren zu dürfen, von dem er unglaublich viel profitieren könne, wie er uns beim Abendessen im Anschluss an unser Training vom Mittwoch erzählte. Mittlerweile würde seine Technik sogar von den Amerikanern bestaunt, die ja eigentlich als die Erfinder dieser Technik gelten.

 

Zurück aber zu unserem Training: Unsere Kids staunten nicht schlecht, als sie erfuhren, dass Gregi heute bis zu 14 mal trainiert und dabei rund 500 Kugelstösse absolviert. Pro Woche versteht sich! Einige unserer jüngeren Kinder beeindruckten aber auch den Koloss, wie uns dieser später mitteilte. Dieser Trainingseifer und das sehr gute Verständnis für die Technik bei den Jüngsten sei nicht selbstverständlich. Die älteren Jugendlichen versuchten sich derweil in der Drehstosstechnik und mussten überrascht feststellen, dass diese nicht ganz so einfach ist, wie es vielleicht manchmal aussieht und dass es in unserem Verein tatsächlich noch Trainer gibt, die ihnen dabei auch noch etwas vormachen und zeigen können, wo Bartli den Most holt. Und dies ohne Trainingskleider und vorgängiges Training. ;-)

 

Was uns nun alle natürlich noch brennend interessiert: was sind die Faktoren, die einen so weit bringen, dass man tatsächlich einmal mit den ganz Grossen bei Weltklasse Zürich starten darf, wie dies Gregi 2013 erleben durfte? Gregoris Erfolgsrezept: Ehrgeiz und den Willen, etwas zu erreichen. Personen, die an einen glauben. Ein Umfeld, das einen bedingungslos unterstützt auch wenn’s einmal nicht läuft. Dazu irgendwann ein Management, dass einem die Arbeiten abnimmt, die mühsam sind, so dass man sich auf den Sport konzentrieren kann. Aber auch etwas, wo man Ausgleich findet. Bei Gregori ist dies beispielsweise das Klavier spielen. Wer ihn selbst einmal gehört hat, weiss, dass er auch dies auf sehr hohem Niveau beherrscht. Und zum Schluss braucht es schlicht auch noch eine Portion Glück.

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